| Rainer Maria Rilke, Zeichnung von Emil Orlik. |
Die siebente Elegie
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nicht mehr, nicht Werbung, entwachsene Stimme,
sei deines
Schreies Natur; zwar schrieest du rein wie der Vogel,
wenn ihn
die Jahreszeit aufhebt, die steigende, beinah vergessend,
dass er
ein kümmerndes Tier und nicht nur ein einzelnes Herz sei,
das sie
ins Heitere wirft, in die innigen Himmel. Wie er, so
würbest du
wohl, nicht minder -, dass, noch unsichtbar,
dich die
Freundin erführ, die stille, in der eine Antwort
langsam
erwacht und über dem Hören sich anwärmt, -
deinem
erkühnten Gefühl die erglühte Gefühlin.
O und der
Frühling begriffe -, da ist keine Stelle,
die nicht
trüge den Ton der Verkündigung. Erst jenen kleinen
fragenden
Auflaut, den, mit steigernder Stille,
weithin
umschweigt ein reiner bejahender Tag.
Dann die
Stufen hinan, Ruf-Stufen hinan, zum geträumten
Tempel der
Zukunft -; dann den Triller, Fontäne,
die zu dem
drängenden Strahl schon das Fallen zuvornimmt
im
versprechlichen Spiel.... Und vor sich, den Sommer.
Nicht nur
die Morgen alles des Sommers -, nicht nur
wie sie
sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang.
Nicht nur
die Tage, die zart sind um Blumen, und oben,
um die
gestalteten Bäume, stark und gewaltig.
Nicht nur
die Andacht dieser entfalteten Kräfte,
nicht nur
die Wege, nicht nur die Wiesen im Abend,
nicht nur,
nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein,
nicht nur
der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends...
sondern
die Nächte! Sondern die hohen, des Sommers,
Nächte,
sondern die Sterne, die Sterne der Erde.
O einst
tot sein und sie wissen unendlich,
alle die
Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!
Siehe, da
rief ich die Liebende. Aber nicht sie
nur
käme... Es
kämen aus schwächlichen Gräbern
Mädchen
und ständen... Denn wie beschränk ich,
wie, den
gerufenen Ruf? Die Versunkenen suchen
immer noch
Erde. - Ihr Kinder, ein hiesig
einmal
ergriffenes Ding gälte für viele.
Glaubt
nicht, Schicksal sei mehr, als das Dichte der Kindheit;
wie
überholtet ihr oft den Geliebten, atmend,
atmend
nach seligem Lauf, auf nichts zu, ins Freie.
Hiersein
ist herrlich. Ihr wusstet es, Mädchen, ihr
auch,
die ihr
scheinbar entbehrtet, versankt -, ihr, in den ärgsten
Gassen der
Städte, Schwärende, oder dem Abfall
Offene.
Denn eine Stunde war jeder, vielleicht nicht
ganz eine
Stunde, ein mit den Maßen der Zeit kaum
Messliches
zwischen zwei Weilen -, da sie ein Dasein
hatte.
Alles. Die Adern voll Dasein.
Nur, wir
vergessen so leicht, was der lachende Nachbar
uns nicht
bestätigt oder beneidet. Sichtbar
wollen
wirs heben, wo doch das sichtbarste Glück uns
erst zu
erkennen sich giebt, wenn wir es innen verwandeln.
»»Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als
innen. Unser
Leben geht
hin mit Verwandlung. Und immer geringer
schwindet
das Außen. Wo einmal ein dauerndes Haus war,
schlägt
sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem
völlig
gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne.
Weite
Speicher der Kraft schafft sich der Zeitgeist, gestaltlos
wie der
spannende Drang, den er aus allem gewinnt.
Tempel
kennt er nicht mehr. Diese, des Herzens, Verschwendung
sparen wir
heimlicher ein. Ja, wo noch eins übersteht,
ein einst
gebetetes Ding, ein gedientes, geknietes -,
hält es
sich, so wie es ist, schon ins Unsichtbare hin.
Viele
gewahrens nicht mehr, doch ohne den Vorteil,
dass sie's
nun innerlich baun, mit Pfeilern und
Statuen, größer! ««
Jede
dumpfe Umkehr der Welt hat solche Enterbte,
denen das
Frühere nicht und noch nicht das Nächste gehört.
Denn auch
das Nächste ist weit für die Menschen. Uns
soll
dies nicht
verwirren; es stärke in uns die Bewahrung
der noch
erkannten Gestalt. - Dies stand einmal
unter Menschen,
mitten im
Schicksal stands, im vernichtenden, mitten
im
Nichtwissen-Wohin stand es, wie seiend, und bog
Sterne zu
sich aus gesicherten Himmeln. Engel,
dir noch zeig ich es, da! in deinem Anschaun
steht es
gerettet zuletzt, nun endlich aufrecht.
Säulen,
Pylone, der Sphinx, das strebende Stemmen,
grau aus
vergehender Stadt oder aus fremder, des Doms.
War es
nicht Wunder? O staune, Engel, denn wir
sinds,
wir, o du
Großer, erzähls, dass wir solches vermochten, mein Atem
reicht für
die Rühmung nicht aus. So haben wir dennoch
nicht die
Räume versäumt, diese gewährenden, diese
unseren Räume. (Was müssen sie fürchterlich
groß sein,
da sie
Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)
Aber ein
Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es, -
groß, auch
noch neben dir? Chartres war groß -, und Musik
reichte
noch weiter hinan und überstieg uns. Doch selbst nur
eine
Liebende -, oh, allein am nächtlichen Fenster....
reichte
sie dir nicht ans Knie -? Glaub nicht,
dass ich werbe.
Engel, und
würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn mein
Anruf ist
immer voll Hinweg; wider so starke
Strömung
kannst du nicht schreiten. Wie ein gestreckter
Arm ist
mein Rufen. Und seine zum Greifen
oben
offene Hand bleibt vor dir
offen, wie
Abwehr und Warnung,
Unfasslicher,
weitauf.
Rainer
Maria Rilke,
7. und 26.2.1922, Muzot
Mein Blog Semsakrebsler : Thema Friedrich von Schlegel - Betrachtungen ....
::.
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Wir sollen nur tiefer und wunderbarer hängen an dem, was war,
und lächeln: ein wenig klarer vielleicht als vor einem Jahr....
Rainer Maria Rilke.
Danke für den Kommentar.
Herzlichst,
George de Courtenay