Freitag, 4. Januar 2013

Wendung


Der Weg von der Innigkeit zur Größe
geht durch das Opfer.  - Kassner  ....

Lange errang ers im Anschaun.
Sterne brachen ins Knie
unter dem ringenden Aufblick.
Oder er anschaute knieend,
und seines Instands Duft
machte ein Göttliches müd,
daß es ihm lächelte schlafend.

Türme schaute er so,
daß sie erschraken:
Wieder sie bauend hinan, plötzlich, in Einem!
Aber wie oft, die vom Tag
überladene Landschaft
ruhete hin in sein stilles Gewahren, abends.

Tiere traten getrost
in den offenen Blick, weidende,
und die gefangenen Löwen
starrten hinein wie in unbegreifliche Freiheit;
Vögel durchflogen ihn grad,
den gemütigen; Blumen
wiederschauten in ihn
groß wie in Kinder.

Und das Gerücht, daß ein Schauender sei,
rührte die minder,
fraglicher Sichtbaren,
rührte die Frauen.

Schauend wie lang?
Seit wie lange schon innig entbehrend,
flehend im Grunde des Blicks?

Wenn er, ein Wartender, saß in der Fremde; des Gasthofs
zerstreutes abgewendetes Zimmer
mürrisch um sich, und im vermiedenen Spiegel
wieder das Zimmer
und später vom quälenden Bett aus
wieder:
Da beriets in der Luft,
unfaßbar beriet es
über sein fühlbares Herz,
über sein durch den schmerzhaft verschütteten Körper
dennoch fühlbares Herz
beriet es und richtete:
Daß er der Liebe nicht habe.

(Und verwehrte ihm weitere Weihen.)

Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze,
und die geschautere Welt
will in der Liebe gedeihn.

Werk des Gesichts ist getan,
tue nun Herzwerk
an den Bildern in dir, jenen gefangenen; denn du
überwältigtest sie; aber nun kennst du sie nicht.
Siehe, innerer Mann, dein inneres Mädchen,
dieses errungene aus
tausend Naturen, dieses
erst nur errungene, nie
noch geliebte Geschöpf.

Rainer Maria Rilke

Aus: Gedichte, Nachlass Vollendetes : 
Gesammelte Werke. Bd. 3: Gedichte. Dritter Teil. Leipzig: Insel-Verlag 1927, S. 460-462. 


[Erster Entwurf zu Wendung]

Denn dies ist mein Wesen zur Welt:
Daß sich draußen Erscheinung
wie auf ein stilles Gerücht hin,
[in mich innen]
weither in mich hineinfreut.

Lange errang er's im Anschaun
Sterne brachen ins Knie
unter dem zwingenden Aufblick
oder er anschaute knieend
und seiner Innigkeit Duft
machte ein Göttliches müd
daß es ihm lächelt im Halbschlaf
Thürne schaute er so,
daß sie erschraken,
wiedergebaut, unauf-
haltsam, plötzlich in einem

daß dieses leerzehrende Aus mir hinausschaun
abgelöst werde durch ein liebevolles Bemühtsein
um die innere Fülle.

Rainer Maria Rilke
Paris, 20. Juni 1914
 Aus: Gedichte, Nachlass, Vollendetes.

Geo ::.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wir sollen nur tiefer und wunderbarer hängen an dem, was war,
und lächeln: ein wenig klarer vielleicht als vor einem Jahr....

Rainer Maria Rilke.

Danke für den Kommentar.
Herzlichst,
George de Courtenay

Das könnte auch noch Interessant sein :

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...